Eine kleine Kulturrevolution in Bern

 

Porträt von Nik Leuenerberger, dem neuen Leiter Kultur im Casino Bern.

Für einen Wirtschaftsstudenten der Hochschule St. Gallen HSG ist das doch eher eine ungewöhnliche Karriere: Medientätschmeister mit Wohnwagenbüro im Schweizer National-Circus Knie. So begann die berufliche Laufbahn des Thuners Nik Leuenberger und führte ihn über Umwegen ins Kultur Casino, wo er die Kulturlandschaft der Stadt Bern mitprägen will.

Will Kultur ins rechte Licht rücken - Nik Leuenbeger
Will Kultur in Bern ins rechte Licht rücken – Nik Leuenberger

Giacobbo und das Casinotheater Winterthur

«Es war eine wunderbare, aber auch anstrengende Zeit im Circus Knie» sagt Leuenberger. Acht Jahre wohnte er im Wohnwagen, ständig auf Achse, oft unter Strom. Es war auch die Zeit, in der der Circus Knie jedes Jahr bekannte Komödianten quasi als «Clowns» verpflichtete. Einer dieser Komödianten hiess Viktor Giacobbo, Satiriker, Schauspieler und Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur. So kam es, dass Leuenberger vom grossen TV Star als Intendant für das renommierte Spielhaus angeheuert wurde.

Nik im Gespräch mit Musiker und Satiriker Nils Althaus im Progr Bern
Nik im Gespräch mit Musiker und Satiriker Nils Althaus im Progr Bern

Leuenberger übernahm als künstlerischer Leiter Konzepte und Strategien seines Vorgängers, fing aber auch an, Akzente zu setzen und neue Formate zu entwickeln. Viele dieser Kleinkunst- und Schauspielformate zog er erst als Nachwuchsförderung auf , zum Beispiel das «Doppelsolo» in dem ein renommierter Kleinkünstler persönlich einen Nachwuchskomödianten anschreibt und mit ihm einen Abend bestreitet. Schon bald etablierten sich diese Spielabende und wurden wahre Knüller in Winterthur.

Alles aus einer Hand in Bern

«Es war vor allem eine familiäre Entscheidung, zurück in die Region zu ziehen» besinnt sich Leuenberger. Kurz darauf kam die Gelegenheit, die Leitung Kultur im Casino Bern zu übernehmen, die Leuenberger wahr nahm. Nun wohnt er mit seiner Familie in Köniz und will es sich da zwar bequem einrichten, beruflich aber nochmals Anlauf zu neuen Höhenflügen nehmen.

Leuenberger ist alles andere als ein hochemotionaler und bauchentscheidender künstlerischer Leiter, wie man sich diese Funktion gerne klischeehaft vorstellt. Er weiss, dass die Zukunft des Hauses über die Verzahnung mit Businessevents und gastronomischen Angeboten geprägt werden muss. Und mit Fremdveranstaltenden: So ist es ein Segen, dass das Berner Symphonieorchester als Hauptmieterin des Hauses bereits einen schwergewichtigen kulturellen Impuls liefern wird. Ziel des Casinos ist es, Business-Events, Gastronomie, Fremdveranstaltungen und eigene Veranstaltungen unter einen Hut zu bringen. «Wir vom Casino müssen als ein Körper, als eine Seele gegenüber dem Publikum auftreten, und das müssen wir auch gegenüber den Kulturschaffenden» fasst Leuenberger die Herausforderung zusammen. Die Geschäftsleitung des Casinos nennt diese Ausrichtung «Alles aus einer Hand».

Immer ein Platz für Leuenberger - er besucht zig Veranstaltungen pro Woche
Immer ein Platz für frei gehalten – Leuenberger besucht zig Veranstaltungen pro Woche

Bern: mehr als eine Kulturkleinstadt

«Seit ich wieder in Bern bin, treffe ich fast täglich einen Künstler, eine Musikerin oder sonst einen Kulturakteur. Bern lebt, viel mehr als ich zuerst dachte.» Das ist etwas, was Leuenberger im Vergleich zu einem gewöhnlichen Booker ausmacht. Er bucht nicht einfach Künstler und Acts und stellt so ein Saisonprogramm zusammen, sondern entwickelt mit den Stars einen Abend, eine Serie oder ein Format. «So fallen schon mal zwei, drei Besuche bei einem Künstler an, ehe man einen gemeinsamen Nenner findet.» Mit der Starviolinistin Gwendolyn Masin plant er ein Format, das eine Brücke zwischen Barock und Jazz schlägt – unter Einbezug eines Instruments, der Orgel. Nun besuchen die beiden den Hammond-Spieler Cory Henry am Festival JazzOnze+ in Lausanne, um ihn als Mitstreiter ihres Konzeptes zu gewinnen.

Starviolinistin Gwendolyn Masin plant mit Nik Leuenberger ein Format zwischen Barock und Jazz
Starviolinistin Gwendolyn Masin plant mit Leuenberger ein Format zwischen Barock und Jazz

In einigen Kulturbereichen spielt die Bundeshauptstadt auf Weltniveau mit, in vielen auf nationalem. «Ohne den Kanton und die Stadt Bern wäre die Popmusikszene Schweiz sehr dünn besiedelt.» Wichtig sei aber der Blick nach aussen: So beobachtet Leuenberger aufmerksam, was die unerreichbare Benchmark, die Elbphilharmonie in Hamburg, macht und zusammenstellt. Oder wie sich zur Zeit das Jazz Festival Montreux (übrigens auch ein früherer Arbeitgeber von Leuenberger) entwickelt. Lernen tut man ja bekanntlich von den Besten.